Happy New Year oder zurück ins Bett

Sektgläser, Wunderkerzen, neue und alte Vorsätze – sicher kaum ein Silvester, dass so still an uns vorüberging und doch von uns allen so sehr herbei gesehnt wurde.

Das Jahr geht zu Ende, die Kerzen sind verglüht

Ein mehr als anstrengendes Jahr liegt hinter uns. Zweitausendzwanzig. Wie auch schon die vielen Jahre zuvor, sollte 2020 das Jahr werden. Das Jahr, an dem Pläne in die Tat umgesetzt und Wünsche in Erfüllung gehen sollten. An dem endlich abgespeckt und der Roman vollendet werden sollte, ganz zu schweigen von der gesünderen Ernährung.

Stattdessen aber: Ein Jahr geprägt mit Ungewissheiten, Verlusten, Sorgen und Ängsten, dem ersten und zweiten Lockdown. Quarantäne-Kilos und irgendwie ideenlos was jegliche Zukünfte angeht. Abgesehen von all den Podcast-Erfindern und Mood-Board-Entwicklern. Ja – diese kreativen Köpfe haben das Jahr sicher innovativer genutzt als Netflix-Junkies. Aber was blieb in der Tristesse, besonders ab dem kalten November, auch anderes übrig als zum x-ten mal mit Friends oder anderen wenig aussagekräftigen Serien anzufangen? Die neue Staffel Haus des Geldes lässt noch immer auf sich warten.

2020 – Ein Jahr das überrumpelt und überfordert hat. Mit Solidarität erst im Überdruss, laut klatschenden Menschen auf ihren Balkonen und dann mit Soldaritätsverweigerern auf den Straßen in Leipzig und Berlin, die einen zum Wahnsinn trieben.

Die Sehnsucht nach dem Ende des Jahres, die in der Silvesternacht und dann um Mitternacht in den Sektgläsern lag war sicher nie stärker als dieses Jahr. Happy New Year. Hacken hinter, geschafft! Doch dann die nüchterne Erkenntnis: es ändert sich ja doch erstmal nichts.

Der Impfstoff ist zwar da, aber er reicht nicht aus. Die Lichter in den Cafés und Bars sind noch immer aus und die Kinosäle leer, der Skiurlaub abgesagt. Wozu also auch nur einen einzigen Vorsatz machen, wenn das Jahr doch so ungewiss im Raum steht, wie das Ende des zweiten Lockdowns? Selbst auf die Kanaren lässt es sich nicht flüchten – Risikogebiet.

Man könnte glatt an Tag 1 das Handtuch werfen und zurück ins Bett.
Happy New Year

Winterschlaf. Wake me up when Corona ends.

Aber die Uni geht wieder los, das Homeoffice ruft und irgendwie muss es ja weitergehen. Während man nur hoffen kann, dass die Vorsätze der Politiker:innen welche sind wie:
Quote
Die Digitalisierung in Schulen
Ein kostspieliges Auffangbecken für Künstler:innen
Anerkennung von Pflegekräften nicht nur in Form von abebbendem Applaus
Doch es braucht auch den persönlichen Jahresrückblick. Beziehungsweise ein Hoffnungsschimmer im neuen Jahr, auch wenn dieser nur der Spaziergang mit Kaffee und einem weiteren Haushalt in den ersten Sonnenstrahlen ist. Oder die Wanderung im Schnee mit Mutti.

Corona hat sich nicht abschrecken lassen von lauten Sektkorken

Doch das Gute an dem neuen Jahr ist die Tatsache, dass wir im Groben schon wissen, was auf uns zu kommt. Wir wissen, dass wir eher ohne Schlüssel, als ohne Maske das Haus verlassen, jeder noch so kleine Urlaub mit einer Reiserücktrittsversicherung gebucht wird, Geburtstage feiern wir über Zoom und Joggen stützt das Immunsystem. Wir wissen, dass die Grundstimmung uns alle gleichermaßen beeinträchtigt. Wir wissen, dass wir aufeinander aufpassen müssen. Daran ändert sich nichts. Und vielleicht hatten wir bereits zu viel lebenseinschränkende Veränderungen und vielleicht kann man sagen, dass Gewissheit – auch wenn sie nervt – in der Hinsicht etwas Gutes ist.

Ein Jahr ist um und es heißt doch: jetzt kann es nur besser werden. Das sagt sich zwar leicht, aber der Mensch ist anpassbar. Und so wie wir uns an das Jahr 2020 und all seine Maßnahmen anpassen konnten, werden wir es mit dem neuen Jahr auch schaffen. Auch wenn die Aussicht trübt und dieses eine Licht am Ende des Tunnels selbst nach der nächsten Kurve noch nicht sichtbar ist.

Vorsätze in den Jahren zuvor waren nicht bedeutsamer, als in diesem Jahr. Und Vorsätze und Wünsche sind auch noch Mitte des Jahres erlaubt. Sie gelten der Orientierung. Dem „was stand noch gleich auf meiner Bucketlist?“ Dem großen Ganzen weit über ein einziges Jahr hinaus. Das krampfhafte Festhalten an diesem einen Tag, an dem sich das eine Jahr verabschiedet und das neue Einzug hält ist ungesund und spätestens ab Anfang März oftmals enttäuschend.

Stattdessen kann man das neue Jahr auch erst dann reinlassen, wenn man bereit dafür ist. Und vielleicht ist das dieses Mal erst Mitte Juni oder Anfang August. Vielleicht auch schon nächste Woche.

Happy New Year.
Leah Besser

Leah Besser

Kontakt. Leah.besser@helpmade.de

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1 response on this

  1. Levke 5. Januar 2021 16:03

    Toller Text!

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