Billiges Fleisch – wer wirklich darunter leiden muss

Die Fleischindustrie meldet Umsatzrekorde von nie dagewesenem Ausmaß: 3,9 Milliarden Euro im März 2019.
Dennoch müssen tausende von Landwirten ihre meist (Familien-)Betriebe schließen. Der Grund könnte mit der eben genannten Zahl absurder nicht sein:

Der Preiskampf hat sie in die Knie und zur Schließung ihres Betriebes gezwungen. Denn Fakt ist, Landwirte profitieren nur, wenn sie auf Masse produzieren – dass das Folgen haben muss, ist weitreichend bekannt. Wer darunter leidet und wer verantwortlich ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

Geschichte des Fleischkonsums

Um dem Ganzen auf den Grund zu gehen, müssen wir uns erst einmal mit dem geschichtlichen Hintergrund befassen. In den 50er Jahren brauchten Schweine 5-6 kg Futter um 1 kg zuzunehmen. Heute benötigen sie nur noch 2,7 kg.

Warum?: Das heute moderne, magere Mastschwein ist durch eine Kreuzung aus 3 verschiedenen Rassen entstanden, die maßgeblich durch die Bedürfnisse des Endverbrauchers beeinflusst waren. Mageres Fleisch wurde im Laufe der Zeit zum Trend und aufgrund des Cholesterin-Gehaltes dem fettigen Fleisch vorgezogen.

Ganz zum Unverständnis der Landwirte: Mageres Fleisch ist viel wässeriger und säuerlicher. Der beste Geschmacksträger eines Fleisches ist nämlich eigentlich das Fett. Damit war der erste Qualitätsverlust des handelsüblichen Fleisches und der Start des Massenkonsums besiegelt.
Jeder Deutsche isst heutzutage 36kg Schweinefleisch pro Jahr im Schnitt
Selbst wenn der Kunde heutzutage aufgrund der Schlagzeilen und der relativ ausgeprägten Informationslage mit gutem Gewissen seinen Fleischkauf gestalten will, wird der Kampf dem Preis zu widerstehen oft verloren. Eine Möglichkeit dem entgegenzuwirken ist die Einführung der Information über die Haltungsform auf jeder Packung (Haltungsform 1-4).

Kriterien hierfür sind unter Anderem Platz und Auslauf für das Tier. Bei der höchsten Haltungsform 4 haben die Tiere beispielsweise doppelt so viel Platz wie gesetzlich vorgeschrieben. Supermärkte wie ALDI, Lidl, Edeka, REWE und Co. haben dennoch bei Stichproben über 80 % der schlechtesten Haltungsform 1 in den Regalen. Der Staat reguliert das schlichtweg nicht und sagt es sei Verbrauchersache. Verbraucher haben Fleisch allerdings längst zum Grundnahrungsmittel des täglichen Bedarfs erklärt.
Schweinchen

Die neue Tierschutz-Nutztierhaltungs-Verordnung (TierSchNutztV)

Immerhin: Die Tierschutz-Nutztierhaltungs-Verordnung soll erneuert werden. Enge Käfige, sog. Ferkel-Schutz-Körbe sollen nur noch eingeschränkt erlaubt sein. Da stellt sich aus Tierwohl-Sicht natürlich die Frage:
Was haben enge Käfige mit Schutz zu tun?
Enge Käfige sind für die Fixierung des Schweines notwendig, damit es die Ferkel nach der Geburt nicht erdrückt. Eigentlich sind diese auch nur dafür zu gebrauchen und die Landwirte angehalten dem Schwein sonst würdigen Freiraum einzuräumen.
Warum erdrückt ein Schwein überhaupt ihre Ferkel?
So ganz natürlich ist das nicht. Denn hier lohnt sich ein Blick in die Natur: In der freien Wildbahn erdrückt das Schwein nämlich gar keine Ferkel, weil es nicht gezüchtet ist und demnach an sich weniger Ferkel gebärt. Laut Landwirten sind mittlerweile 16 Ferkel pro Wurf normal. In der freien Wildbahn gebären sie allerdings nur 8 – 12 Ferkel.

Mit 12 – 14 Zitzen, wird das Schwein mit dieser Zahl an Ferkeln alleine nicht fertig. Die überzähligen Ferkel werden daher wiederum einfach den Schweinen vorgesetzt, die aktuell noch Zitzen frei haben (sog. Ammensauen).
Doch die Kontroverse bei der Durchführung der möglichen Erneuerung zeigt, dass dies massive Konsequenzen für Landwirte hätte: Pro Schwein würde man ca. 2.500,00 € für den Umbau benötigen. Das macht bei 1000 Schweinen 2,5 Mio. € Investition. Wieder wären die kleinen Landwirte die Leidtragenden.

Das Problem mit der Wirtschaftlichkeit

Nicht nur die Haltung ist ein Problem, sondern auch die Betäubung des Tieres. Denn stressarmes Schlachten ist ebenfalls ein Kostenfaktor. Nicht jedes Schwein wird vorschriftsmäßig erst am Kopf und dann am Herz betäubt bevor es mit gezieltem Stich in die Hauptschlagader ausblutet.

Insbesondere in großen Betrieben, wie z.B. bei Tönnies, werden Schweine durch CO2 betäubt. Bei dieser Methode werden sie durch einen Schacht mit 95% CO2-Gehalt gefahren, in dem sie nahezu Ersticken, um dann bewusstlos geschlachtet werden zu können. Das ist natürlich deutlich günstiger, sodass die Betriebe dem Preiskampf standhalten können.
Doch nicht nur hier werden Einsparungen gemacht: Es ist nicht unüblich, dass in Schlachthöfen schlechte Arbeitsbedingungen herrschen.
Oft kommen Arbeiter aus Osteuropa, angestellt sind sie aber bei Subunternehmen, die selbst entscheiden wie viel ihre Arbeiter verdienen, wie lange sie arbeiten und in welchem Gesundheitszustand sie sich der Arbeit widmen sollen.
Auch Subunternehmer sind aufgrund des Preiskampfes also gezwungen Einsparungen zu machen.
So kannst DU dafür sorgen, dass weniger Tiere und Menschen durch Deine Kaufentscheidung leiden müssen

Gütesiegel Bio: Ist das die Lösung?

Bio-Höfe hingegen unterscheiden sich von anderen Höfen darin, dass sie nicht zwingend ohne Ferkel-Schutz-Körbe arbeiten, sondern schlichtweg die Genetik des Schweins nicht so massiv verändern.

Das Schwein wirft demnach also i.d.R. eine normale Anzahl an Ferkeln, die sie somit auch seltener erdrücken kann. An dieser Stelle muss allerdings gesagt werden, dass auch große Bio-Höfe Schlachtmethoden wie die oben beschriebene mit CO2 nutzen. Ein Bio-Siegel darf demnach keinesfalls als die einfachste Lösung für das Problem gesehen werden.
Wie ändert sich die Situation?
Ganz einfach: Es liegt tatsächlich in der Hand des Endverbrauchers. Der Endverbraucher bist Du, bin ich und sind alle in Deinem Umfeld. Versuche doch beim nächsten Mal bei der Essensfrage in der Familie oder WG das Thema bewaffnet mit diesen Informationen aufzugreifen oder das nächste Mal einfach darauf zu achten, was auf der Fleischpackung steht und wie viel diese kostet. Im besten Fall machst Du Dich über den Ursprung des Fleisches, sowie den Hof, von dem es stammt, schlau.

Solltest Du die Zeit nicht aufbringen können, da Du zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt bist: Gib einfach ein paar Tätigkeiten an einen netten HelpMate ab. Denn es war nie einfacher Tätigkeiten abzugeben.

Was sind die größten Hürden, wegen welchen Du lieber zum günstigen Fleisch greifst? Wir freuen uns über Deinen Kommentar!

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